Der virtuelle Wohnsitz hat eines der kleinsten Länder der Welt berühmt gemacht. Estland geht mit großer Ambition und der e-Residency 2.0 in die zweite Runde: Bis 2025 soll die digitale Nation auf zehn Millionen anwachsen – eine zukunftsweisende Vision, von der sich Deutschland inspirieren lassen sollte?

In Estland, dem nördlichsten der drei baltischen Staaten, läuft alles etwas anders als bei uns in Deutschland. Zumindest wenn es um die Digitalisierung des Landes geht. Ein Unternehmen kann in Estland jeder online, innerhalb von 18 Minuten (der aktuelle Weltrekord) gründen und dafür muss sich der Gründer nicht mal im Land aufhalten, geschweige denn die estnische Staatsbürgerschaft besitzen. In Estland kann auch alles Behördliche online erledigt werden. Ausnahmen sind nur: heiraten, sich scheiden lassen und Immobilien verkaufen. Wie das alles möglich ist? In Estland hat die Umstellung auf die digitale Verwaltung bereits vor 18 Jahren begonnen. Diese Umstellung gipfelte dann im Jahr 2014 in der Einführung der virtuellen Staatsbürgerschaft – der sogenannten e-Residency. Ende 2018 stellte die estnische Präsidentin Kersti Kaljulaid das Whitepaper zur e-Residency 2.0 vor und zog Bilanz über die vergangenen vier Jahre: Bis zu 50.000 virtuelle Bürger aus über 160 verschiedenen Ländern der Erde zählt das kleine Land des Baltikums inzwischen. Schon früh erkannte die Regierung Estlands, dass die Zukunft der Identität eine digitale sein wird und begann bereits 2002 mit deren Ausgabe; zunächst nur innerhalb des eigenen Landes. Im Jahr 2014 bot Estland, als erstes Land weltweit, Menschen internationaler Herkunft die Möglichkeit, zum e-Resident zu werden und machte sich damit selbst zum Vorreiter Europas in der Digitalisierung.

Die digitale Identität Estlands

Mit dem Bild eines virtuellen Wohnsitzes lässt sich der Begriff e-Residency wohl am treffendsten umschreiben. Mit dem Konzept einer Country as a Service wird es möglich, zum digitalen estnischen Einwohner zu werden, ohne gebürtig von dort zu stammen oder jemals dort gewesen zu sein. Die e-Residency ermächtigt den digitalen Bürger zwar nicht zum estnischen Staatsbürger, ermöglicht ihm jedoch mit vielen ID-Service-Angeboten große Chancen. Enorme Vorteile bringt das vor allem digitalen Nomaden, die ein Unternehmen gründen möchten, ohne sich dabei an einen festen Wohnsitz binden zu müssen. Wofür in anderen Ländern eine feste Meldeadresse benötigt wird, ist genau das als estnischer e-Resident ohne möglich. Auch weitere Prozesse wie beispielsweise das Anmelden eines Patents oder die Abgabe einer Steuerklärung wickelt der estnische Staat komplett online ab und nimmt damit eine Vorreiterposition im internationalen Vergleich ein.

Wie wird man zum virtuellen Bürger? 

Per standardisiertem Verfahren kann die e-Residency bequem online beantragt werden. Dafür gilt es lediglich persönliche Angaben in ein Online-Formular einzugeben und vier Wochen Geduld aufzubringen während die Daten überprüft werden. Die estnische Regierung geht als Paradebeispiel in Sachen digitaler Staat im Bereich e-Government voran und schätzungsweise werden es ihr in den kommenden Jahren einige nachtun. Wie steht es denn nun um die Chancen für eine deutsche e-Residency?

Die zukunftsweisende Vision als Inspiration nutzen

Mit Sicherheit wird es in naher Zukunft nicht möglich sein, ein System, wie es in Estland genutzt wird, in Deutschland einzuführen. Dafür unterscheiden sich die beiden Länder in vielerlei Hinsicht schlichtweg zu sehr. Eine Inspiration für die Ausgestaltung eines digitalisierten Prozesses von Behördengängen könnte Estland aber in jedem Fall dennoch sein. Auch wenn nicht gleich in Form einer deutschen e-Residency für Menschen aus aller Welt. Mit einem breiteren Angebot an Behördengängen, die online abgewickelt werden können, wäre jedoch ein erster innovativer Schritt in die richtige Richtung getan. Unglaubliches Potenzial bietet dafür in jedem Fall der deutsche Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion. Mit ihm lassen sich Identitäten sicher und schnell überprüfen. Zeitaufwendige Behördengänge könnten damit in Zukunft bequem von zuhause aus digital getätigt werden.

Am Wunsch der deutschen Bürger nach digitalen Verwaltungsangeboten sollte ein derartiges Konzept womöglich nicht scheitern: Laut einer pwc-Studie erklären sich 91 Prozent der befragten Bürger bereit, Behördengänge in Zukunft online zu tätigen. Ein „digitales Bürgerkonto“ findet damit in seiner Zielgruppe hohen Zuspruch. Vor allem die Vorteile der Zeitersparnis und der damit einhergehende Komfort sind dafür ausschlaggebend. Auch wenn damit kein Digitalwunderland erschaffen wird, es wären die richtigen Schritte Richtung digitalisiertes Deutschland.

Kaspar Korjus, der noch sehr junge Managing Director der estnischen e-Residency, sieht seine Aufbau-Aufgabe als erfüllt an und hat für die e-Residency 2.0 bewusst seinen Platz geräumt, damit neue Leute in die Verantwortung treten – er kümmert sich derweil um den Aufbau seiner noch jungen Familie. Hier hat er einen persönlichen Rückblick veröffentlicht.

Veröffentlicht: Januar 2019