Ein noch weithin unterschätztes Einsatzfeld für digitale Identitäten ist der Reise- und Flugverkehr. Dabei ist trotz der aktuellen Corona-Pandemie zukünftig wieder mit einer steigenden Anzahl der Flugreisenden zu rechnen. Im Jahr 2018 wurden 4,2 Mrd. Flugreisende gezählt. Schätzungen gehen davon aus, dass wir im Jahr 2037 8,2 Mrd. Flugreisende haben. Sollte dieses Szenario eintreten, müssten sich die Verfahren zur digitalen Identifizierung der Flugreisenden deutlich verändern, sie müssten vor allem digitaler und durchgängiger sein. Wie könnte die Zukunft des Reisens aussehen und welche Rolle könnte die eID dabei übernehmen?

von Ralf Keuper

Seamless Traveler Journey

Das Reiseerlebnis der Kunden soll künftig möglichst frei von Medienbrüchen, manuellen Tätigkeiten sowie personalisiert sein. Der gesamte Prozess des Onboardings, vom Ausweis bis zur Bordkarte, wird digitalisiert. So jedenfalls sieht es die Seamless Traveler Journey des World Travel & Tourism Council (WTTC) vor.
Zum Einsatz sollen demnach überwiegend biometrische Verfahren kommen. Das jedoch birgt die Gefahr, dass biometrische Daten ohne Wissen und Zustimmung der Reisenden gespeichert werden.

Szenario 1: Single Travel Token

Eine Möglichkeit, den Missbrauch der personenbezogenen Daten der Reisenden zu verhindern, ist die Verwendung von Single Travel Token. Die Reisenden erzeugen über eine App einen verifizierten Token auf ihrem Smartphone. Dabei werden die biometrischen Daten des Ausweises mit dem Gesicht des Reisenden abgeglichen. Mit dem Foto kann sich der Reisende vom Check-in bis zum Boarding ausweisen. Der gesamte Prozess des Onboardings, vom Einchecken bis zum Boarding, die Customer Journey, wird nahtlos digitalisiert. Somit erfahren Reisende nicht nur eine Sicherung ihrer personenbezogenen Daten, sondern eben auch ein medienbruchfreies Ausweisen auf Reisen.

Szenario 2: Kunden-Onboarding mittels integrierter App

Ein hohes Maß an Sicherheit und Datensparsamkeit beim Onboarding ließe sich mit einer integrierten App erreichen. So könnten in der App der Fluggesellschaft das Ticket, die Boardkarte und die eID (etwa mit der AUTHADA-Lösung) hinterlegt werden. Vorstellbar ist, die ausgelesenen Daten der eID als sogenannte abgeleitete Identität sowie die Boardkarte auf einem Sicherheitselement auf dem Smartphone zu hinterlegen. Die Reisenden könnten sich künftig mit ihrer sicheren, abgeleiteten eID (Teilidentität bzw. Sekundäridentität), der Boardkarte und ihrem verifizierten Foto auf dem Smartphone im Flughafen ausweisen. Dabei verbleiben die personenbezogenen Daten im Secure Element des Smartphones. Und das bei einem hohen Sicherheitsniveau und unter Einhaltung der DSGVO.

Szenario 3: Intermodales Reisen

Das nahtlose Einchecken am Flughafen führt zu einer deutlich verbesserten Customer Journey. Noch besser wäre es jedoch, wenn die Nutzer mit ihrer Digitalen Identität auf gleiche Weise zwischen den verschiedenen Transportmitteln und Mobilitätsservices wechseln und damit intermodal reisen könnten. Erste Ansätze gibt es dazu bereits, wie in Gestalt der Kooperation zwischen Lufthansa und Hertz. Großes Potenzial birgt das Konzept der Smart City. In Columbus im US-Bundesstaat Ohio startete im vergangenen Jahr die erste Rundum-Bezahllösung für intermodale Mobilität. Die Smart Columbus Travel App ermöglicht die Bezahlung von öffentlichen (Bus und Bahn) und privaten Mobilitätsdiensten (Car Sharing) über ein kontenbasiertes Zahlungssystem. Die Kunden können auf diese Weise ihre Reisen ganzheitlich planen und bezahlen und die für sie geeignetste intermodale Route auswählen. Die Verknüpfung der Smart Columbus Travel App mit der Digitalen Identifizierung über eine abgeleitete Mobile Identität auf dem Smartphone würde zu mehr Sicherheit führen und die Implementierung weiterer Mobilitätsdienste, wie den Flugverkehr (Boardkarte) und weiteren Mehrwertdiensten (Vielfliegerprogramme) ermöglichen.

Ausblick

Für die sichere und mobile Identifizierung wird das Smartphone eine Schlüsselrolle übernehmen. Jüngere Aktivitäten, wie von Apple, weisen in diese Richtung. Der Flugverkehr hat das Potenzial sich zu einer der größten Anwendungsfälle für die eID zu entwickeln. Wenn es gelingt, die relevanten Daten und Funktionen in der App auf höchstem Sicherheitsniveau zu vereinen, könnte die Vision eines Intermodalen Seamless Travel in Erfüllung gehen.