INTERVIEW TEIL 2 – Was nutzt die schönste Lösung für eine sichere, digitale Identität, wenn die Bürger sie nicht akzeptieren? Projektleiterin und Head of SDI Research Projects Lisa-Marie Rösch erzählt, mit welchen Expertisen sich AUTHADA in das Forschungsprojekt ID-Ideal einbringt – und warum dem Team Fragen der Usability und Nutzerakzeptanz ganz besonders am Herzen liegen.  

Lisa, ein AUTHADA-Projektteam arbeitet seit Mai 2021 intensiv im Projekt ID-Ideal an der Zukunft der sicheren, digitalen Identität. Welche Kompetenzen bringt AUTHADA in das Konsortium ein?  

Lisa: Unser Team ist sehr vielfältig aufgestellt. Wir übernehmen im ID-Ideal-Konsortium zum einen einen wichtigen technischen Part: Hier ist unsere Aufgabe zum Beispiel, den Personalausweis in die Wallets zu bringen. Wir entwickeln die Architektur der Lösung mit, schauen, wie sie technisch realisierbar ist und bringen verschiedene Komponenten ein. Zum anderen schauen wir uns verschiedene Use Cases an, entwickeln diese und analysieren, wie sich der Mehrwert für alle Akteure noch weiter erhöhen lässt.  

Last but not least ist ein ganz wichtiger Punkt für uns die Usability und Akzeptanzforschung, die wir bei AUTHADA auch selbst ganz großschreiben. Wir wollen nicht im Elfenbeinturm eine Technologie entwickeln, die letztlich keinen Anklang findet – sondern ein digitales Ökosystem mit den zugehörigen Geschäftsmodellen. Holder, Issuer, Verifier, alle sollen mitmachen wollen. Dafür gilt es nicht nur, die Lösung einfach nutzbar zu machen, sondern auch ein funktionierendes Anreizsystem zu schaffen.  

Wieso liegt euch dieses Thema so sehr am Herzen?  

Lisa: Ganz einfach: Weil die neue Lösung natürlich auch angenommen werden soll. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Eine gute Usability und ein Vertrauen in die Lösung sind unbedingte Voraussetzung dafür, dass die Bürger die Lösung akzeptieren. Und von den Bürgern geht die gesamte Nachfrage aus, mit ihnen steht und fällt der Erfolg der Lösung: Wenn die Bürger sie nicht nutzen, haben auch die Issuer und Verifier keinen Anreiz, sie nutzen zu wollen.  

Über ID-Ideal 
Ein sicheres Management digitaler Identitäten, das den Menschen eine selbstsouveräne Datenhoheit ermöglicht: Das ist das Ziel des Forschungsprojekts ID-Ideal. Organisationen aus der öffentlichen Hand, der privaten Wirtschaft sowie aus Forschung und Entwicklung bündeln aktiv ihre jeweiligen Kompetenzen in dem Projekt, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert wird. Mehr unter https://id-ideal.de  

Wie schafft man diese hohe Akzeptanz seitens der Bürger? Ist es tatsächlich vor allem die Usability oder gibt es noch andere Wege?  

Lisa: Da gibt es verschiedene Aspekte. Zum einen haben wir natürlich die Usability und hinsichtlich dessen viel Kompetenz im Konsortium. Wir schauen uns anhand verschiedener Best Practices ganz genau an, was in Sachen Usability gut funktioniert. Daraus können wir viel lernen. Es gibt auch ein ID-Ideal-Reallabor an der HTW, wo wir vor Ort Usability-Tests durchführen können. Wir legen großen Wert auf den User Research und wollen frühzeitig erkennen, wo es Hürden in der Nutzung der Lösung geben und wo es haken könnte. 

Außerdem ist uns wichtig, dass die Lösung, die wir jetzt erschaffen, auf jeder Ebene diskriminierungsfrei wird. Jeder soll sie nutzen können. Das ist kein einfaches Vorhaben: Aktuell sind wir dabei, sämtliche Aspekte dieser Diskriminierungsfreiheit zu erfassen. Barrierefreiheit, Textgröße und -darstellung und einfache Sprache sind hier klassische Stichpunkte. Aber auch ganz andere Themen fließen dort hinein: Beispielsweise haben wir bei AUTHADA aktuell eine Animation in unserer App hinzugefügt, die ganz genau zeigt, wie man seinen Ausweis richtig ans Handy hält, um ihn auslesen zu lassen. Das ist so eine typische, kleine Hürde: Nicht jeder hat schon mal das NFC-Feld von seinem Smartphone genutzt und weiß direkt, wie er seinen Perso davorhalten muss. Am Ende werden wir all unsere Erkenntnisse in einem Usability-Leitfaden zusammenfassen und ihn als Handlungsleitfaden öffentlich zur Verfügung stellen.  

Zum anderen befassen wir uns intensiv mit dem Aspekt der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Neben unserem täglichen Doing im Projekt gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten – und zwar für die gesamte Bevölkerung. Hierzu planen wir umfangreiche Maßnahmen: Schließlich entwickeln wir keine Lösung für uns selbst, sondern für unsere Mitbürger. Deshalb müssen wir verstehen, was die Menschen beschäftigt, Unklarheiten und Sorgen ernst nehmen und auflösen sowie Bedürfnisse berücksichtigen. In nahem Kontakt mit den Bürgern zu sein und sie von Anfang an eng miteinzubeziehen, ist entscheidend, um das Vertrauen in unsere Lösung aufbauen zu können und damit ihre Akzeptanz zu erreichen. Schließlich wollen wir das Leben der Leute vereinfachen und ihnen ihre Hoheit über die eigenen Daten zurückgeben – und sie nicht von neuen technologischen Möglichkeiten abschrecken.
 

Das Projekt endet im Mai 2024. Was möchtet ihr dann erreicht haben?  

Lisa: Unsere Vision und Mission ist es, ein Trustnet-Framework zu schaffen – eine technische Basis also, auf der alle Akteure einander vertrauen können. Jeder hat sicher schon mal vom Darknet gehört, in dem allerlei illegale Sachen passieren. Dann gibt es noch das Clearnet als Internet, in dem jeder von uns unterwegs ist, die meiste Zeit allerdings anonym oder als Pseudonym. Dort sind aktuell wahnsinnige Massen an Informationen unterwegs und niemand weiß, was davon wirklich stimmt. Das Trustnet ist der Gegenentwurf dazu: Alle Akteure, alle Informationen sollen verifizierbar sein. Wir wollen mehr Klarheit im Netz.  

Dieses Trustnet mit seinen klar identifizierten Akteuren und verlässlichen Informationen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, viele verschiedene Prozesse sicher zu digitalisieren. Mit unserem digitalen Ökosystem wollen wir außerdem dafür sorgen, dass man künftig nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit persönlich vorstellig werden muss. Ich denke da zum Beispiel an Behördengänge: Sein Auto ummelden, ein Führungszeugnis erhalten, in diese Vorgänge lässt sich viel mehr Effizienz durch Digitalisierung bringen.
  

Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Erfolgsfaktoren auf dem Weg dorthin? 

Lisa: Zum einen müssen wir eine Interoperabilität erreichen: Aktuell gibt es da draußen viel zu viele unterschiedliche Standards. Es gilt erstmal, eine gemeinsame Ebene zu definieren, wenn wir wollen, dass sich jeder an unser Ökosystem anbinden kann. Dafür müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen. Auch Unternehmen, die im Wettbewerb stehen. Eine Lösung für alle kann nicht einer alleine schaffen: Wir müssen jetzt unsere Expertisen zusammentragen und gemeinsam das Beste erschaffen.  

Zum anderen halte ich es für besonders wichtig, unsere Arbeit und die Lösung in die breite Masse zu bringen. Eine Technologie kann noch so gut sein: Wenn die Akteure den Nutzen nicht verstehen, wenn sie Ängste und Bedenken haben, wird sie niemand nutzen wollen. Deshalb sind auch die Öffentlichkeitsarbeit und der Transfer ganz entscheidende Punkte für den Erfolg
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Vielen Dank für das spannende Gespräch! 

Sie wollen mehr über ID-Ideal wissen? Lesen Sie hier unsere Pressemitteilung zum Projektstart.